17. Juli 2017 °seb 6Comment

Wir können nichts dafür – es war fest eingeplant und stand auf der to-do Liste. Ein hübsch touristischer Ausflug in die “Exclusion Zone of Chernobyl”. Immerhin war uns spätestens mit der Veranstalterrecherche klar, auf was wir uns einlassen werden. Möglichst viele Ziele in kurzer Zeit durchrammeln. Nice! Oder “Keep moving” wie der Leitspruch der Klassenfahrt lauten würde.

Kurze Vorgeschichte um einen kleinen Nachweis für dämliches Planungsverhalten zu bringen: Wir wissen seit einer ganzen Weile, dass wir da hin wollen, wir haben diverse Veranstalter recherchiert und auch die Übernachtungen in Kyiv sind seit einem Monat klar umrissen. Man hätte also auch schonmal so eine Tour reservieren können….Man…hätte…können. So ein quatsch – Nicht mit uns. Wir haben abgewartet bis wir in Kyiv angekommen sind, haben dann noch ein bisschen gewartet und an einem Samstag “gemerkt”, dass wir nur am nächsten oder übernächsten Tag fahren können. Völlig unerwartete Folge unserer Spontanheit:

  • hektisches Recherchieren und Kommunizieren
  • mehrere Absagen
  • Realisieren dass die meisten ein paar Tage für die Anmeldung bei den Behörden wollen
  • zu einem Anbieter in der Nähe watscheln der in 2h schließt (Samstag…)
  • 145 statt 90 Dollar pro Person (ouch) inklusive einem Bonbon aus der Sweets-Factory des ukrainischen Präsidenten, Zuckerbonbons und Peitsche wie schon der Volksmund sagt


Visuelle Darstellung der Planungsmodalitäten

Damit genug, los geht die wilde Fahrt. 8 Uhr Treffen – zu unserem Vorteil quasi um die Ecke und mit drölfzig umliegenden Kaffeeständen. Pässe vorgezeigt, Festivalbändchen bekommen, Anwesende auf Vollständigkeit überprüft und ab ging es im 4-Kleinbus-Konvoi. Während der Fahrt dudelte eine schlecht verständliche und hübsch verrauschte Doku über den Busbildschirm. Gorbatschow und andere palaberten mit absichtlich russisch akzentuierten Englisch-Synchronstimmen über die Gesamtscheisse die sich ab dem 26.April 1986 entfaltete.

Erste Station: Eingangskontrolle 30km Zone. Oder nennen wir es mal ein Stelldichein von ca. 10 Bussen / 120 Touristen fein säuberlich vor dem Kontrolldrehkreuz aufgereiht. Plus Souvenirstand und Showmilitärfahrzeug. Das konnte ja heiter werden. Wurde es auch, denn unsere leicht drüber wirkende Führungsperson übernahm das Wort von Gorbatschow und leierte mit monotoner Stimme ein paar Fakten runter, die aus dem Film bekannt waren plus “on the right you will see, and on the left you will see” bei ca.70km/h.

Zweite Station: Unverständliches Denkmal, verlassene Gebäude im Wald. Dreierlei Touristengruppen mussten sich abwechselnd in eingefallene Gebäude zwängen, dann raus, dann weiter. Jeder einmal das gleiche Bild anfertigen, die Kreativen (so wie wir) gingen zusätzlich noch in die Hocke oder trödelten um nur 3 statt 15 Leute auf dem Bild zu haben, aber aufgepasst, sonst rennt die nächste Gruppe in den Bildausschitt. Unser skurriles Pärchen aus Hongkong (mit schwarzen Atemschutz und Animeperücke) machte Selfies wo es nur ging, die wurden im Bus unverzüglich auf Instagram geladen, dazu noch der Gruppenchat bedient, der war dann auch voll mit diesem Edward Much schreiender Entsetzen-Smiley. Wenn ich aus China käme, wäre ich ja nicht so beeindruckt von verseuchten Zonen. Waren wir allerdings auch nicht – die Ähnlichkeit mit diversen Regionen in Ostdeutschland war frappierend. A home away from home!

Dritte Station: Eingangsschild Tchernobyl, Bilder machen

Vierte Station: Irgendn Trompetenengeldenkmal aus Bewehrungsstahl, Fotografieren

Fünfte Station: Lunch in Tchernobyl, nichts was man nicht verpassen darf, Kamera vergessen

Sechste Station: Verfallender Kindergarten kurz vorm Kraftwerk, berühmtes Puppenfoto machen, erstes Strahlungsschild fotografieren. Geigerzähler irgendwohin legen, Geigerzähler piept wie wild – auweia – nicht auf den Waldboden treten (erst 5 Meter weiter wieder, dann alles sicher – logisch), weitere Fotos machen

Siebte Station: Ausblick auf Kühlkanal und verfallene Bauruinen von Kraftwerksblöcken die nicht mehr fertig gestellt wurden. Fotos machen. Ursprünglich sollte das Ding wohl mal bis zu 14 Blöcke bekommen und weiß nicht was alles mit Strom versorgen. Wurden dann aber nur 4 und einer davon hat ja nicht so gut funktioniert.

Achte Station: Fische füttern direkt am Kraftwerk, Welse groß wie Kühe im Kraftwerkskühlgraben wurden mit Crackern gefüttert. Fotografieren von Fischen im Wasser ein Unding.

Neunte Station: Direkter Ausblick aufs Kraftwerk mit neuer Hülle aus rund 200m Entfernung – beeindruckendes Ding, Kraftwerkshunde füttern, Fotos machen Strahlung messen, dieser riesige neue Mantel hat die Strahlung auf ein Viertel reduziert. Das ist doch schon etwas

Zehnte Station: Eingangsschild von Prypjat, inklusive arrangiertem Fuchs, der dort immer auf sein Essen wartet, mehr Fotos machen

Elfte Station: Jetzt wurde es spannend – die Geisterstadt Prypjat wurde angefahren. Der Maßstab für dutzende Computerspiele, der berühmte, verlassene Rummelplatz, zugewachsene Plattenbauten, zugewachsene Straßen. Und nun war man so langsam doch alleine als Gruppe unterwegs, denn die Stadt zählte immerhin mal rund 40.000 Einwohner. Allerdings auch hier keine Überraschungen für den durchschnittlichen Ostdeutschen. Wer schonmal in Cottbus, Prohlis oder Bautzen-West war, sich vorstellen kann wie einskommafünfspurige Straßen mit Mittelstreifen zugewachsen bis zur Bordsteinkante aussehen und Plattenbauten die allesamt im Wald stehen, der weiß wie Prypjat aussieht – Nice. Rummelplatz – Nice. Ausflugsgaststätte am See – Nice. Gemeindezentrum – Nice. Theater und Kino – Nice. Krönender Abschluss: Auf das Dach einer 16-Stock-Platte klettern. Wahnsinnsaussicht – Ubernice! Ach ja, falls euch jemand das Gasmaskenfoto andrehen will: Alles Fake, unnütze Masken ohne Filter, für Fotozwecke arrangiert.

Zwölfte Station: Regenguss abwarten, Fussballfeldgroße und erfolglose Duga-Radarstation (“Russian Woodpecker”) anschauen. Die wirre Erklärung über Funktionsweise von unserer Guide_Inn haben wir nicht kapiert, irgendwas mit Ionosphäre, Rakete durch Ionosphäre, Loch in Ionosphäre wegen Rakete, Signal läuft vor-zurück-zur-Seite-ran.

Dreizehnte Station: An zwei Checkpoints durch irgendwelche Strahlungsmesser aus dem kalten Krieg stolpern, beim ersten Durchgang durfte man nichts mitnehmen, NICHTS! Beim zweiten Durchgang durch 5mal sensiblere Geräte, die genauso aussahen, durfte man Handys für Fotos mitnehmen. Klingt unlogisch? Yep.

Ab ging es nach Hause, alle waren komplett durch. die Hongkonger haben mit letzter Kraft noch ein Bild dem Instagram-Gott geopfert und sind dann Perücke an Basecap eingeschlafen, die Guide_Inn hat sich immer wieder umgedreht und war wohl recht erfreut, dass die halbe Kindertruppe friedlich schlummert, ein bisschen wie auf nem Schulausflug.

Fazit: Wer in der Gegend ist, kann das ruhig machen. Das Kraftwerk ist imposant, Prypjat ebenso. Sagt einem ja sonst keiner, dass die Ukrainer diese Stadt quasi entkernt haben und das hübsch verstrahlte Metall in den Schrotthandel gegeben. Möbel etc. waren auch alle nicht mehr da, die Erklärung lautete: Wurde alles beräumt, da man anfangs noch davon ausging, dass die Bewohner nach 3 Tagen zurückkommen. Der sorglose touristische Umgang mit einer solchen Katastrophe ist anscheinend typisch für die jeweiligen Besitzer der Katastrophenfläche. Vermutlich kann man Fukushima in 15 Jahren genauso besichtigen.

6 thoughts on “#03 – Heiterer Ausflug nach Tchernobyl und Prypjat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.