27. Juli 2017 °seb 0Comment

Eigentlich sollte ja der vorangegangene Beitrag den abschließenden Aufenthalt in der Hauptstadt der Ukraine ordnungsgemäß rezitieren. Aber über die Fahrt mit dem Zug und das ganze Drumherum ließ sich dann doch weiter ausschweifen.

Nun denn, Kyiv. Die Hauptstadt der Ukraine, gelegen an einem beeindruckend breiten Fluss namens Dnjepr im mittleren Osten der Ukraine. Hefte raus, Klassenarbeit – der Fluss gehört(e) zum Allgemeinwissen. Bereits vorweggenommen wurde ja sowohl Organisation als auch Ablauf der Klassenfahrt nach Tchernobyl. Die war ja zugegebenermaßen der Hauptgrund für unseren Aufenthalt in Kyiv, umso peinlicher die mangelhafte Planung. Aber einmal da, müssen wir nun auch die restlichen drei Tage füllen. Das Wetter ist erstklassig und trotz dessen, dass wir, dem Nachtzug sei Dank, recht verballert sind, gehen wir nach ausführlichem Dösen noch einmal raus, wie gesagt Tschernobyl klar gemacht, daraufhin im nächstbesten Restaurant frittierte Wraps mit Zunge und Käse gegessen, dazu Uzwack oder Uffzack wie wir es liebevoll nennen. Ein Getränk aus ausgekochten Trockenfrüchten. Schmeckt nach Zuckerwatte die durch ein Ofenrohr gezogen wurde und anschließend in Wasser ausgedrückt – Geheimtipp: Unbedingt nicht probieren. Danach ein kurzer Blick auf das St. Michaelskloster von Außen, bedrückende Stimmung inklusive, da eine Wand mit Bilder von (aktuell) Kriegsgefallenen die Klosterwand über dutzende Meter belegt ist. Eigentlich grotesk in einem Land zu Urlauben, dass sich mehr oder weniger im Krieg befindet. Es gibt dutzende Hinweise darauf im täglichen Leben.

Anschließend geht es mit der Steilseilbahn den Hang zum Djnepr hinunter. Hübsches altes Ding, erinnert an die Möhre, die diesen Zirkusberg in Barcelona hoch- und runtermöhrt. Am Fluss entlangspaziert, erfolgreich den Zugang zur Fußgängerbrücke gefunden und vom rechts-dnjeprischen Ufer auf die andere Seite, ein Naherholungsgebiet, gewechselt. Von der Brücke kann ge-roped werden, heißt angeseilt von der Brücke springen und unter dieser hin und her pendeln. Die nötige  “Technik” ist irgendwie an die Brücke getackert, letztere dient auch als Pendelverkürzer (ergo das Seil reibt bei jedem Schwung am Baustahl), die Leute werden nach der Pendelei von 3 Mann per Seilzug wieder hochgezogen und müssen selber um die Stahlträger rummanövrieren oder sich den Kopf einhauen. Bei einem Anbieter scheint sich anfangs wer vermessen zu haben, weil ein Typ recht bewässert zurückkommt. Todsicheres Ding.

Das Naherholung in Naherholungsgebiet steht in der Ukraine aber vor allem für Besaufen oder gar ganz Abstürzen. Zwar kommt die Brücke noch im Schafspelz mit Kvas-Ausschank und Zuckerwatte zu einem Euro daher, führt aber in einen Sündenpfuhl(!!! 11!elf) – selbst die Kioskfrau hat einen waschechten Zapfhahn im Büdchen. Einen netten Stadtstrand gibt das Ganze trotzdem, auch wenn sich vor uns ein hart Betrunkener per Bauchklatschköpper in 40cm Wasser stürzt und ca. 10min zurück ins Trockene braucht. Am Ende dieser Tortur belohnt man sich erstmal mit drölf Schluck vom gut gewärmten Wein aus dem TetraPak-Gebinde. Das Bild wird vervollständigt, als auf dem Rückweg über die Brücke ein Typ für seine Kumpels einfach so von der Brücke springt, nicht ohne einen finalen Schluck Bier. Nasdarowje und danke Wassertiefe. Über das recht massive Denkmal der Völkerfreundschaft (Mit Russland! Ironie) ging es zurück nach Hause.

Am nächsten Tag ließen wir uns Sonne und Tchernobyl ins Gesicht strahlen. Zurück in der Stadt kam noch ein kleiner Wolkenbruch und ein mittlerer Unruhezustand durch drei meinen Geldwunsch ignorierende Geldautomaten, der vierte Automat konnte das wieder grade rücken.

Die verbleibenden Tage wurden mit rumspazieren gefüllt. Erwähnt werden sollten die extrem tiefen U-Bahn-Stationen (übrigens gern mit Armeewerbung ausstaffiert), teilweise waren schon 2-3 Minuten fürs Hinab im Rolltreppenschlund einzuplanen, außerdem noch ein paar Minuten für die Optik. Dazu der Andreassteig – vorbei an einer wunderschönen blauen Zwiebelkirche und diversen Tourishops (Postkarten sind in sozialistischen Staaten Mangelware – es gab nur einen Shop mit ein paar Spezialkünstlerkarten) sowie Gussstatuen ging es auf einem recht autofreien Abstieg in den hippen Stadtteil Podil. Dort die Markthalle aufgesucht, leider war es zu Spät oder zu Montag. Aber eine leere Markthalle im Bauhaus(?)-Stil hat auch was. Das Restaurant dahinter konnte uns für ca. 10 Euro mit diversen Pickles, Brot samt 4 Aufstrichen, Wodka, Bier und Pelmeni sowie Wlan versorgen. Außerdem gibt es in dieser Stadt einige Wandbilder ähnlich Breslau. Sehr schön anzuschauen. Sonnenuntergang auf dem Maidan verbracht, in der Erwartung der täglichen Wasserspiele, fielen allerdings aus wegen Bodennebel – oder so.

Bevor es zum Nachtzug nach Moskau ging musste wieder ein ganzer Tag rumgebracht werden. Höhepunkt: Vögelnde Tauben, verbrauchte Füße, für 2,70€ zu zweit in einer dieser auch in Russland weit verbreiteteten Kantinenrestaurants gegessen. Dazu Besuch im Factory Outlet von Roshen, einem Süßigkeiten-Konzern der dem Präsidenten der Ukraine gehörte, letzterer hat Diabetes. Kein Scheiss.

Abschließend bleibt zu sagen: Die Ukraine ist schick, unfassbar billig, groß, Kyiv / Lviv bieten Unterhaltung für Wochen sowie Gebäude und Denkmäler gegen die Dresden abseits des 200m Touristen-Bannkreises um die Frauenkirche nichts gegenzusetzen hätte, wir haben die Natur ja nichtmal angetestet und die ist sicher auch sehr fein – so sah es zumindest in den Karpaten aus. Noch ein paar Preise:

  • Essen gehen zu zweit 3€ in der Kantine oder 10€ im Restaurant
  • Cappucino am Maidan und anderen Hot-Spots: 1€, überall sonst 70Ct.
  • 1,5l Wasser ab 30-40 Cent, Brot 30 Cent, Bier 30 Cent, gezapft im Naherholungsgebiet – 80 Cent, 0,5l Wodka 3 €
  • U-Bahn: 10 Cent
  • Himbeeren 80 Cent pro ca. 200g, Kirschen ab 1,20 €/kg
  • Super zentrales AirBnB Zimmer 20€

 

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