1. November 2017 °seb 1Comment

Die Grundzüge unseres Aufenthaltes in der Hauptstadt von China wurden ja schon im letzten Beitrag umrissen. Quasi kostenlose Fortbewegung per OFO Bikes, ab und zu das Bus- und Metrosystem per google maps (VPN olé) genutzt, günstiges und bestschmeckendes Essen an jeder Ecke, schön warm, schön versmoggt.

Auf der To-Do Liste stand irgendwie alles und nichts. Zum zweiten Mal für mich und zum ersten Mal für °anne ging es in die verbotene Stadt. Die Tickets dafür haben wir über unser Hostel reservieren lassen (ca. 15€/2P), da selbige auf moderate 80.000 pro Tag begrenzt sind. Alles klar – wir werden wohl nicht ganz allein unterwegs sein.

Und so kam es auch, obwohl wir anscheinend etwas außerhalb der Touristensaison kamen, sind in dieser wohl zweitberühmtesten Sehenswürdigkeit des Landes unfassbar viele Menschen unterwegs. Am Einlass gibt es ca. 25 Ticketschalter die potentiell geöffnet werden könnten (es waren aber gerade “nur” ca. 10 offen), Besucher werden ähnlich eines Parkleitsystems in Abhängigkeit von ihren Tickets in die Stadt geführt (Möglich sind 3 verschiedene mehrere Meter breite Einlassspuren + Seitenschiffe für verschiedene Tickettypen).

Blöd nur, dass unser Hostel ein bisschen vergessen hatte, zu erwähnen, wie das mit unserem vorgebuchten Ticket so funktioniert. Dann los – Variante 1 – zum Ticketschalter, wir hatten ja immerhin eine Buchungsnummer. Leider falsch – irgendwas unverständlich-englisches plus Richtungzeigen führte uns zu Variante 2, dem Einlass, aber wieso haben alle anderen so Ticketausdrucke? Genau – wir waren wieder falsch, neue Richtung, neue Nuschelei in mysteriösem Englisch (es klang entfernt nach “nonono, eggscheenisch ticket!”), leider waren in der angedachten Richtung diverse Optionen ausgeschildert die irgendwie zu unserer Situation passten…und wir wählten natürlich erstmal die Falsche. Auf Umwegen fanden wir dann unseren separaten Ticketschalter an einer völlig unlogischen Stelle mit einer nicht ganz eindeutigen Bezeichnung. Also Ticket gegen den gewünschten Ausdruck getauscht und wieder zurück zum Einlass. Selbstverständlich war alles hübsch abkürzungsvermeidend umzäunt und versperrt – der Schrittzähler freute sich, schließlich ist nur der Eingangsbereich dieses ehemaligen Kaisersitz und Regierungspalast schon ein paar hundert Meter lang. Gut, dass die Luft gerade an dem Tag hübsch warm und so eigenartig gräulich war. Immer schön mit dem Kreislauf Schlitten fahren.

Anschließend geht man klassischer Weise noch in den anliegenden Jingshan Park mit erhöhtem Pavillon und sieht die verbotene Stadt je nach Luftqualität nochmal in voller oder halber bis viertel Pracht. Wir waren bei ca. vier siebtel Pracht. Auf diesem Hügel mangelt es bereits an chinesischen Touristen, denn alles was auch nur ansatzweise anstrengend ist und nicht durch gut organisierte Hilfsmittel (Reisebus, Seilbahn, Rolltreppe) umgangen werden kann, wird links liegen gelassen. Anekdote aus Japan: am Fahrstuhl des recht bekannten Tokioter Burgturms bildete sich eine ca. 50m lange Schlange, davon 40m im Nieselregen, während die Treppe daneben in Langeweile vor sich hin existierte. Der stolze Lohn des 15-minütigen Wartens: 6 Stockwerke á 15 Treppenstufen wurden gespart.

An einem späten Morgen in den Temple of Heaven Park. Aufgrund der engen Wohnungsverhältnisse in Peking und sicherlich auch wegen Langeweile und einer gewissen Fitnesssucht (Hä? Warum geht ihr dann keine Treppenstufen?) verlegt vor allem die ältere Bevölkerung ihr Leben in die Öffentlichkeit. Und so sind die extrem gepflegten Parks voll von Leuten die irgendwas machen und darunter fällt Fitness, Instrumente bespielen, im Chor singen, Kampfsport, Tanzen (hier wiederum unterteilt in Classic, Paartanz, Tanzsyncro und so weiter), meditieren, Brettspiele, TaiChi und was nicht noch alles. Für jeden ist was dabei. Öffentliche Fitnessgeräte für lustige Verrenkungen gibt es an jeder zweiten Straßenecke die mit drei Bäumen und einer Bank zu einem Minipark umfunktioniert wurde, dazu gesellen sich meist noch 2, 3 Brettspieltische mit Sitzbänken.

Chinesische Chor Chnaben

Ein Nachmittag wurde dem Art-District 798 geopfert, zwar eher eine Aneinanderreihung von Galerien, teuren Autos und Cafés, aber das ganze ist in einem alten Fabrikareal im Bauhaus-Stil angesiedelt. Bauhaus daher, da der Komplex zur Herstellung von Elektronik aufgrund von Engpässen bei der DDR bestellt wurde und damit eine nach heutigen Maßstäben todschicke Hipster-Architektur mit sich brachte. Den Sommerpalast hat sich °anne alleine angeschaut, ich hatte den schon hinter mir und noch eine Runde chinesischer Massen in chinesischer Riesenattraktion war mir nichts.

Abgerundet wurde Peking mit einer Fressorgie des gleichnamigen Entengerichts. Für knapp unter 20€ mit einem Bier und frittierten Hefeklösen unter süßer Dickmilchsahnedings (blaue Tuben, Tschechien, das gefährliche Zeug, ihr wisst Bescheid) gab es eine komplette Ente unterteilt auf drei Tellern in pure Fetthaut, Fetthaut + Fleisch und mageres Fleisch. Außerdem kommt der Rest der Ente noch in einer Schüssel dazu, da kann man sich dann die Innereien und letzten Fleischrester abnagen. Barbarisch durch und durch. Wie zwei fette Enten radelten wir in der Dunkelheit am Tiannanmenplatz vorbei nach Hause.

One thought on “#21 – Die Tage in Beijing

  1. Ich frag mich, wie ihr Deutschland erlebt, wenn ihr wieder da seid. Weil ihr so viel gesehen habt. Viele deutsche Autos da in China.
    Dass die so gerne schlafen liegt wohl daran, dass sie fast nur arbeiten.
    Die Trauerweiden mag ich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.