27. Oktober 2017 tuktukplease.com 0Comment

Datong konnte als sanfter Start ins Reich der Mitte bereits mit gutem Essen und diversem Sightseeing begeistern. Eine Stadt mit geradezu dörflichem Charakter da “nur” 1.4 Mio Einwohner keine inner-chinesischen Touristenmassen, weil quasi selbst für Chinesen noch ein bisschen zu fake. Der nächste Stop sollte dann eher das Gegenteil darstellen. Beijing – die Hauptstadt, nicht ganz so dörflich mit 21,5 Millionen Einwohnern, 16000 km² und 1250 Einwohner je km². Noch dazu der Ort meines Praktikums vor 7 Jahren.

Seitdem hat sich irgendwie nichts und doch einiges geändert. Es wurden ungefähr acht U-bahn Linien gebaut, straßenzugweise Hutongs geschlossen (alte bis sehr alte, flach gebaute und entspannte Wohnviertel im Stadtzentrum), Streetfood ist kaum noch existent und die Luft ist immer noch beschissen. Wobei – damals hatte ich noch kein Zugriff auf Live-Messungen der amerikanischen Botschaft. Kann also sein, es ist etwas besser geworden. Echtes Blau haben wir allerdings selten gesehen, schon bei der Einfahrt per Zug von Datong wurde es ca. 80km vor der Stadtgrenze immer diesiger, gräulicher, trotz strahlend Sonnenschein – man konnte sich noch eine Weile einreden, dass das irgendwas mit Bergen und Kondens oder so zu tun hätte, aber spätestens auf dem Bahnhofsvorplatz in Beijing war ziemlich sehr klar – das wird ungesund.


Baufortschritt U-Bahn Peking, ich war 2010 da o_O

Unser Doppelzimmer im Red Lantern Hostel war ausgesprochen hübsch und gut gelegen in einem der letzten “asseligen” Hutongs (154€/5N). Aus Versehen hatten wir damit in einem Lonely Planet Tipp ausgewählt, wir sind so dermaßen 00er Jahre ey!!11elf. Asselige Hutongs haben den Vorteil, dass dort noch echte Menschen leben, die keine drei Cayennes besitzen, die Straßen sind so eng, dass Autos nur selten einfahren – es gibt kleine Shops mit Snacks, diversem Essen, Obst, Bier, billigste Restaurants, relative Ruhe, tausend Gerüche. Nichtasselige Hutongs sind das Gegenteil, meist auch ohne Autoverkehr, dafür mit tausenden Touristen, hip-teuren Geschäften, Preise wie in Berlin-Kreuzberg, Lärm und so weiter.

Am ersten Tag gingen wir noch ein wenig durch die Hutongs und den Sonnenuntergang beim nahe gelegenen See-Dreier begutachten. Beijing wollte °anne nochmal mit Nachdruck demonstrieren wie ernsthafter Smog aussieht und so konnte man die Sonne trotz völligem Abhandensein von Wolken ohne Sonnenbrille oder Augenzusammenkneifen genießen. Inklusive musikalischer Darbietungen, die Jungs waren jeden Tag in anderer Besetzung da. Wir aßen für ungefähr 8€ absurd viel Essen in einem ziemlich typischen Restaurant mit auf Bilder und Nachbartische zeigen, Bier bestellen kann ich mündlich – oft genutzte Floskeln behält man sich ja.

Mr. Wong und die Disharmoniker

Am zweiten Tag ging es dann, neben einem sehr hübschen und verrauchten Tempel, noch entsprechend dem Artikeltitel zur Wahl des … deutschen Bundestags. Was habt ihr denn gedacht, was für Demokratie es in Beijing geben soll? Träumer, ey. °anne hatte mit mehrfachem hin und her zwischen Wahlamt und Botschaft unsre Wahlunterlagen per Diplomatenpost (!!!111) nach Beijing bestellt. Hier konnten wir sie an der Botschaft abholen (schön mitm Pass an ungefähr 30 wartenden Chinesen vorbei, Bürger erster Klasse!), ausfüllen und per Botschaftskurier zurücksenden! 2 richtig teure linksgrünversiffte Stimmen waren das! Geholfen hat es ja nichts. Danke Frau Merkel!

Da dieser Artikel hier maximal zur Einleitung taugt, zwei Beispiele für wie weit dieses Land manchmal ist:

Binnen weniger Jahre haben sich in Beijing (und mittlerweile diversen anderen asiatischen Großstädten) zwei oder drei große Anbieter von per Handy freischaltbaren Leihfahrrädern entwickelt (OFO, Mobike und noch kleinere). Die Stadt ist vollgestellt mit Zweirädern die sich in 10 Sekunden abschließen oder anschließen lassen. Man kann sie parken wo man will, der Service ist billig, für uns war es quasi immer kostenlos, die englische App hat anscheinend ein paar Abbuchungsmacken. Wir haben alle Wege über 300m und unter 3km mit diesen Rädern zurückgelegt, es standen fast immer welche im Umkreis unserer Unterkunft, ansonsten an jeder U-Bahnhaltestelle, Parkausgang, überall. Manchmal gab es eine Verfügbarkeits-Durststrecke je nach Ort und Tageszeit und öfters waren die Räder nicht zu entsperren, dafür kam wie zur Demonstration sofort ein fröhlicher Chinese aus irgendeinem Winkel daher und beep beep, das Schloss des gerade noch defekten Rades klappte zurück – er fuhr damit von dannen und wir fühlten uns wie Weiße zweiter Klasse.

Der andere Service, den wir leider nicht nutzen konnten, ist WeChat Pay, ein Service für bezahlen per QR Code, integriert ins chinesische Alternativ-Whatsapp. Dieser Service ist kaum 2, 3 Jahre alt, aber viele Chinesen tragen tatsächlich kein Bargeld mehr bei sich, weil sie alles (!) mit diesem Service bezahlen. Ja, auch die kleine Garküche mit 10 Sitzplätzen, Suppe zu einem Euro, hat einen QR Code rumhängen, auch der Bierverkäufer mit dem 5qm² großen Laden, auch Getränkeautomaten, Ticketschalter, ALLES, ÜBERALL! Ob das als Zeichen gegen Überwachung und für Freiheit taugt, sei dahingestellt, aber es funktioniert und ist bequem wie Sau. Lässt die Leute allerdings auch zu ziemlichen Konsumfreunden mutieren, da der Bezahlvorgang nicht mehr existent ist und damit dann auch das Gefühl des Geldausgebens. Man kennt das ja vom Onlineshopping. Passwort rein, fertig.

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