10. September 2017 °seb 3Comment

Ein Länderwechsel stand an. Weltreise heißt eben auch mal früh gegen 8 Uhr in den korrekten Bus aus koreanischen Fernverkehrsbeständen der 90er zu steigen und sich einem 12-stündigen Schicksal zu ergeben.Der Tag war schön, das Frühstück annehmbar (Hüttenkäse und Beeren), die Luft erfrischend und am Busbahnhof trug eine kleine Schlägerei zwischen Einheimischen zur ausgelassenen Morgenstimmung bei. So weit – so gewöhnlich.

Der Bus brachte uns über die russisch-mongolische Grenze in die Hauptstadt Ulaanbaatar (UB), während wir uns am ersten mongolischen Automaten von der zukünftigen Qualität der Infrastruktur überzeugten (funktionierte nicht), trafen wir einen deutschen Motorradfernfahrer, der in unfassbaren 14 Tagen von Deutschland bis an diese Grenze gefahren ist und nun sein Motorrad für einige Monate in UB unterstellen wollte. Hinter der Grenze konnten wir die ersten Mongolischen Tugrik (ca. 2900 zu 1 Euro) bei Schwarzwechslern erstehen, Abheben ging nicht, Stromausfall und mithin ein weiterer nichtfunktionierender Automat – Alles klar, das Land wird wohl anders.

Unsere ersten zwei Nächte waren zu 26€/2P je Nacht über Airbnb organisiert. Diese Buchung hatten wir lange rausgeschoben, wohl überlegt und mehr aus Schicksal dann doch getätigt (“Wenns immer noch frei ist, buchen wirs eben”). Mit diesen zwei Nächten bei einem sehr beliebten Superhost kam nämlich die Bedingung sich gleich mal richtig ins mongolische Leben zu stürzen – zusammen mit der Gastgeberfamilie in einem Ger leben (Ger = Yurte wie man sie aus jeder Doku über die Mongolei kennt). Ergo Außenklo, Dusche mit Wasserdruck der Größenordnung “Loch-in-Flasche-stechen”, wechselnd diverse Leute im Ger, schlafen mit 4-6 Personen in der Yurte davon 5 auf dem Boden und die Oma bekommt das gute Bett. Alle begeben sich am morgen zu unterschiedlichsten Zeiten auf Arbeit. Krasser Einblick in ein verrücktes Zusammenleben.

Immerhin wurden wir von der kleinen Schwester des mittleren Bruders vom chaotischen Busbahnhof abgeholt – es stand eine weitere Bus-Stunde in der abendlichen Rush-Hour an. Diese Gers und dementsprechend die ärmeren Familien sind eher in den Vororten von UB zu finden. Dort rühren auch die Bilder der mongolischen Hauptstadt her, bei denen Yurten im Vordergrund und Wolkenkratzer im Hintergrund zu sehen sind. Ausstieg auf einem schummrig beleuchteten Busplatz, verschiedene Straßenstände mit undefinierbare Zeug zum Verkauf, Gerüchen, Gelärm, ein Essen in einer Art Karaoke-Schuppen. Wir durften auch gleich noch diverse Sachen bei der Familie kosten: fermentierten, parmesanartigen Käse mit starkem Essiggeschmack, mongolische Frittierbrötchen, eine frisch gekochte Suppe (es kamen knapp 7 Leute im Laufe des Abends zum Essen vorbei).

Am nächsten Tag sollte man zumindest sehen, dass das undefinierbare Zeug am Busplatz Innereien oder fleischartiges in Plastiktüten sowie Schaffsrippen sein sollten, da lagen sie dann allerdings in 30°C Sonne herum. Ist ja auch nicht weiter bedenklich, liegen sie doch am Abend wieder im Kühlen und kühl ist gut, nicht? Schließlich wird das Fleisch hier auf der offenen Ladefläche von Kleintransportern, bedeckt mit einer Bauplane, durch die Mittagssonne chauffiert und so auf das Dasein außerhalb der Kühlkette vorbereitet. Omnomnomnom. Soviel zu den ersten 12h im Land – kurz fassen ist mal wieder nicht.

Am nächsten Tag besorgten wir uns eine mongolische SIM vom falschen Anbieter (Gmobile – ca. 8€ für 5Gb), funktioniert gut in größeren Städten – zum Glück gibt es davon in der Mongolei ungefähr 4 Stück. Der Empfang verließ uns quasi 5km außerhalb von UB dauerhaft für die nächsten Wochen, mit ca. 3 Ausnahmen unterwegs. NICHT KAUFEN! Mobicom ist wohl der größte Anbieter! Außerdem gab es eine wiederaufladbare Buskarte für einen Euro. Ohne Karte kein Bus fahren, bzw. der Fahrer steckt sich die 20Ct. pro Fahrt ein. Blöd nur wenns die Karten nicht gibt, weil müssen nachgedruckt werden. Lesbarkeit des Busnetz ist ohnehin eine Katastrophe, die App dazu ebenso, die Pläne erst recht.

Was lässt sich sonst über Ulaanbaatar sagen? Es ist laut, dreckig, warm, unübersichtlich, platzt aus allen Nähten, es gibt so gut wie nichts zu sehen und das Essen besteht aus frittierten Teig mit Fleisch drin oder Suppen mit Fleisch drin oder Fleisch mit Fleisch drin. Außerdem kann man sich für 5-10Cent an jeder Straßenecke wiegen lassen – ja da sitzen Opis mit Personenwaagen herum. Rührt vielleicht aus einer Vergangenheit voll Hunger und Armut?

Die Leute fahren wie die Irren, es gibt in UB geschätzt soviele Toyota Prius wie in ganz Europa, die Busse bleiben gern im Stadtverkehr stecken oder letzterer kommt komplett zum erliegen, das historische Museum ist ganz nett, es stehen mindestens zwei Kohlekraftwerke direkt im Stadtgebiet, aber ne AU ist hier weder für Autos noch Kohlekraftwerke Pflicht.

Ganz nett war der Ausflug zu einem russischen Denkmal auf einem Berg an der Stadtgrenze mit gutem Überblick, inklusive Wolkenbruch (50m Sichtweite, ungelogen), am Straßenrand unter einem Schirm kauern und von irgendwelchen Mongolen in ihrem Prius zum nächsten Starbuchs-Nachahmer gefahren werden. Danke nochmal! Nach 2 Tagen bei der Familie – wir haben noch traditionelle Klamotten anprobiert und der kleinen Schwester beim Kochen geholfen – und den ersten Eindrücken ging es dann in ein gewöhnliches Hostel, von wo aus wir unsere Tour durch die Mongolei organisieren wollten.

3 thoughts on “#12 – Fleischeslust in Ulaanbaatar

  1. Ich muss einfach wieder was schreiben. Ich würde am liebsten immer einen Kommentar abgeben, aber der Text wäre fast immer gleich. Im Gegensatz zu euren Texten. Ich bin von eurem Hostel total fasziniert gewesen und dass ich eure Erlebnisse teilen kann finde ich atemberaubend . Danke, danke , danke. Ich wünsche euch weiterhin eine gute, gesunde Reise und Gottes Segen im Gepäck. LG Jana

  2. Herrlich….grad mal 7 Stationen von eurer Reise nachgeholt. Ab jetzt wieder regelmäßig…schreibt weiter tollte Berichte…man denkt wirklich man ist dabei….passt auf euch auf und bleibt sauber 🙂 Grüße aus DD

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