5. August 2017 °anne 0Comment

Also erst mal zur Anreise per Nachtzug von Kiew nach Sankt Petersburg (100€/2 P.) mit Umsteigen in Moskau. Dieses Mal gab’s zwar auch nicht viel mehr Schlaf, aber die Fahrt im Großraumwagon (Platzkartny, also 3. Klasse) mit den ukrainischen Damen war doch sehr nett! Da wird sich unterhalten und ausgetauscht, niemand guckt auf sein Handy, liest oder hört Musik.

 Alle helfen sich aus mit Snacks, Bett beziehen und rumschnattern und Sebastian hat sich Sympathien verschafft, in dem er einer alten Dame sein unteres Bett angeboten hat und selbst ins obere gekrochen ist. “Daweitschi, daweitschi!” – schnell umgeräumt, eingeschlafen und vom ukrainischen Grenzer mit Schäferhund geweckt, Ausreisestempel check. Komplizierter wurde es dann erst bei der Einreise nach Russland. Mitten in der Nacht haben wir da wohl mit einem schief oder zu hoch eingeklebten Visum die ganze Kontrolle verzögert, es wollte sich einfach nicht vom Gerät lesen lassen. Erst hat’s die 1-Stern-Kontrolleurin mit einscannen, eintippen, einscannen, eintippen … versucht – rotes Aufleuchten. Dann wurde die 3-Stern-Kontrolleurin geholt, alle Daten noch 5mal per Hand eingegeben – immer wieder rot. Schließlich hat der 4-Stern-Boss gnädig mit dem Kopf genickt und das rote Leuchten durfte ignoriert werden. Einreisestempel – check.

Über den Mittag hatten wir in Moskau ein paar Stunden Zeit zum Umsteigen, haben unsere ersten Rubel abgehoben und ohne gegenseitiges Verstehen erfolgreich eine SIM-Karte gekauft. 10 GB bei MTC für umgerechnet 4,30€/Monat – läuft. Vom Leningrader-Bahnhof (ja, die Bahnhöfe sind nach Destinationen geordnet und benannt, es gibt mehrere in Moskau) haben wir uns im modernen Schnellzug nach Sankt Petersburg (60€/2 P.) ein 6er Abteil mit aufgeregten Chinesinnen geteilt und kostenlosen RZD-Merch-Kram eingepackt: Pantoffeln, Schlafmaske, Erfrischungstücher, Schuhanzieher, Zahnstocher – was der Zugreisende von heute eben so braucht! Der Schaffner hat mit mini-Englisch probiert uns was zu erzählen, dann lachend aufgegeben, abgewunken und uns die Sandwiches einfach so gegeben. Den original Zug-Tee konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Ohne die Becher keine russische Zugfahrt!

 

Am Ankunftsabend hat’s in Sankt Petersburg geschüttet wie aus Eimern, sodass die uber-Preise (für ihre Verhältnisse) in astronomische Höhen kletterten. Ist wohl zu Stoßzeiten oder während plötzlicher Regengüsse normal. Also mit dem Bus zu unserem AirBnB-Apartment (29€/Nacht), über das man vong seinen Besonderheiten her noch einen eigenen Artikel schreiben könnte – winzig und irgendwie niedlich, alles wurde hier selbst eingebaut, aber eben selbst und mit mehr Wollen als Können…

Hier gab’s in den Bussen immer eine Kontrolleurin, die während der Fahrt durch den Bus stiefelt, Tickets verkauft oder alle elektronischen Karten auf Gültigkeit checkt. Wir haben uns dann auch so eine 3-Tages-Karte gekauft, für nicht mal 5€ kann man in der Stadt alles fahren und das will man auch! Die Stadt ist ungeahnt riesig und alles ist weit, auch wenn es auf Google-Maps aussah wie gleich um die Ecke.

Ab Sankt Petersburg bis zum Einstieg in die Transsib sind wir zu dritt auf Russland-Erkundung gewesen. Jörg hat ein paar seiner Urlaustage geopfert und mit uns Schritte gezählt, rumgefuttert, Wodka getrunken, Fotos geschossen und alle typisch russischen Getränke von Kwas bis Kefir ausprobiert.

Am ersten Abend sind wollten wir nur mal noch ne Runde drehen und haben ungeahnt gleich mal eines der größten Spektakel mitgemacht. Am Newa-Fluss werden jede Nacht für mehrere Stunden die Brücken hochgeklappt, damit die großen Schiffe durchpassen. Erst dachten wir das wird ja wohl kein Akt sein. Passiert ja auch jede Nacht. Aber direkt an der Eremitage standen so viele Leute in Sichtweite der Brücke, dass wir auch gewartet haben. Alle Fähren auf dem Fluss hatten sich auch wie kleine Ameisen versammelt und um kurz nach 1 wurde die Brücke unter Blitzgewitter und untermalt von pompöser Klassikmusik hochgezogen. Schnell noch Selfies machen!

In den nächsten Tagen haben wir einige sehenswerte Ecken von Sankt Petersburg zu Fuß, per Bus und Metro abgehakt. Wir fotografierten das hundertste goldene Zwiebeltürmchen, spazanderten am Kanal von Dostijewski entlang, stolperten an der Eremitage in einen Filmdreh mit dramatisch viel Nebelmaschine und bestimmt-dramatischem-Liebesdialog, fotografierten Chinesen beim sich fotografieren und sind abends nach über 20.000 Schritten durch diese hübsche Altbauhäuserstadt ins Bett gefallen.

Fürs Budget und sowieso wegen der Marktliebe haben wir hier auch gleich am ersten Tag einen großen Essensmarkt ausgemacht und uns mit Kirschen, Räucherkäse, Wurst, Frischkäse, Brot und Pickels eingedeckt. Beim Pickels-Kauf (eingelegter Kram) konnte man gar nicht so schnell Stopp schreien, wie die Verkäuferin noch 5 mehr saure Gurken gegrabscht und löffelweise eingelegtes Kraut dazu gepackt hatte. Die Knoblauchwolke hat uns dann mehrere Tage verfolgt… Neben unseren geliebten Picknicks haben wir natürlich verschiedene Kantinen-Lokale probiert. Das ist auch hier der günstige Essenstandard: wie in der Mensa das Tablett am Essen vorbeischieben und draufpacken was gut aussieht. Am Ende kostet’s meistens keine 10€ für 2 Personen und hält 2h satt. Also wie Mensa. Die Kaffee-Sucht der Russen scheint nicht ganz so groß wie die der Ukrainer. Kaffee kostet an der Straße so etwa 1€, im hippen Kuppel-Café mit Aussicht dann eher 2-3x so viel. Dafür Aussicht! Im Supermarkt haben wir auch endlich unser Transsib-Frühstück gefunden – Mini-Porridge-Päckchen.

Kurz vor der Abreise mit dem Zug nach Moskau haben wir unsere Metro-Karten zurückgegeben und den Pfand als Plus ins Budget einrechnen können (Jawollja! 1,80€ plus!).Macht sonst anscheinend niemand, so umständlich wie die Prozedur war und böse die Blicke aus der wartenden Schlange hinter uns… Noch eine Fliegerstaffel als Abschied und mit bunten Sonnenblumenkernen zum Knabbern eingedeckt und nachdem uns die leicht mit ihrer Technik überforderte Schaffnerin endlich eingecheckt hatte, ging’s im langsamen Schlafwagen über Nacht nach Moskau (51€/2 P.).

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